Hamburg/Toulouse - Das trübe Wetter passt zur Stimmung der Airbus-Beschäftigten, die am Mittwochmorgen zu ihrem Arbeitsplatz unterwegs sind. Jeder von ihnen weiß, sein Job ist bedroht. "Das ist nicht gut, wie das im Moment läuft", klagt Lothar Bredemaier vom Airbus-Werk im niedersächsischen Varel, das der Konzern verkaufen will. Bis zum späten Nachmittag wurden weder das Wetter noch die Laune zahlreicher Airbus-Leute besser: Denn nun steht fest, dass das Unternehmen allein in Deutschland 3700 Stellen abbauen will.
Mit einem gewaltigen Kraftakt will der angeschlagene europäische Flugzeugbauer, ein Tochterunternehmen des EADS-Konzerns, die schwerste Krise in seiner fast 40-jährigen Geschichte überwinden: 10 000 Stellen sollen abgebaut und Unternehmensabläufe gestrafft werden. Vier Kompetenzzentren sollen die bisher in acht nationale Einheiten gegliederte Organisation ablösen. Bei den Beschäftigten stießen die Pläne des deutsch-französisch dominierten Flugzeugkonzerns auf massiven Widerstand. Dagegen lobten Politiker das Konzept der Unternehmensspitze, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete es als ausgewogen.
Niemand soll entlassen werden
Neben den 3700 Stellen in Deutschland sind weitere 4300 Arbeitsplätze in Frankreich betroffen - davon 1100 auf die Airbus-Zentrale in Toulouse. In Großbritannien sind es 1600 Stellen und 400 in Spanien. 5000 der genannten Stellen seien mit "Zeitarbeitskräften oder Unterauftragnehmern" besetzt.
Das Unternehmen will im Zuge des "Power8" genannten Sanierungsprogramms niemanden entlassen. Die beschlossenen Anpassungen sollen durch natürliche Fluktuation, Vereinbarungen über freiwilliges Ausscheiden und weitere Maßnahmen erfolgen. "Bislang sieht das Management keine Notwendigkeit für Entlassungen", hieß es.
Airbus-Chef Louis Gallois sagte bei der Vorstellung der Umbaupläne in Toulouse: "Wir sind kein integriertes Unternehmen. Es gibt deshalb Überlappungen und parallele Hierarchien. Und es gibt nationale Konflikte. Das ist Gift für Airbus." Die geplanten Kostensenkungen von 2,1 Milliarden Euro bis zum Jahr 2010 seien ein Minimum: "Wir haben keine andere Wahl. Wir müssen sie erreichen." Er verwies dabei auch auf den Konkurrenten Boeing, der sich schon längst den neuen Herausforderungen gestellt habe.
Eine langfristige Bestandsgarantie wollte Gallois aber für kein Werk geben. "Wir können noch nicht einmal für den Eiffelturm garantieren, dass es ihn in 20 Jahren noch gibt", sagte Gallois. "Das gilt auch für alle Airbus-Werke. Wir sind ein Unternehmen und müssen am Markt kämpfen."
Für die Airbus-Werke in Varel (Niedersachsen), Laupheim (Baden-Württemberg) sowie im französischen St. Nazaire will das Management verschiedene Möglichkeiten ausloten. Dazu zählt neben einem Verkauf an Hauptzulieferer auch eine Abgabe an das Management oder die Zusammenlegung mit anderen Werken. Für den Standort Nordenham (Niedersachsen) sowie für Filton in Großbritannien und Méaulte (Frankreich) erwägt Airbus "industrielle Partnerschaften". Für diese Standorte gebe es bereits "unaufgefordert Angebote möglicher Investoren". Unterdessen legten Arbeitnehmer in Varel, Nordenham und Laupheim die Arbeit nieder. Die Arbeit solle vermutlich erst am Freitag wieder aufgenommen werden. "Sie haben die Schnauze voll", sagte ein IG-Metall-Sprecher. Zwei der Werke sollen verkauft und das dritte mit einem Partner betrieben werden.
Die französischen Arbeitnehmer reagierten erzürnt auf die Lastenverteilung. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne legten mehr als 1000 Beschäftigte in Toulouse die Arbeit nieder. Die Mobilisierung gegen den geplanten Stellenabbau und die Airbus- Werksverkäufe müsse anschwellen, es werde als Protest dagegen spontane und auch organisierte Arbeitsniederlegungen geben, kündigte CGT-Sprecher Xavier Petrachi an.
Glos sieht Lasten fair verteilt
Der deutsche Gesamtbetriebsrat und die IG Metall reagierten ebenfalls verärgert: "Der Kampf um die Zukunft von Airbus in Deutschland hat jetzt erst begonnen." Der Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende, Rüdiger Lütjen, sagte: "Wir werden das Konzept des EADS Boards (Verwaltungsrat) so nicht akzeptieren. Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz. Darüber hinaus werden wir die Beibehaltung aller Standorte innerhalb der Airbus Deutschland GmbH entschieden einfordern."
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sah die deutschen Interessen bei der Verteilung der Lasten und der Zukunftstechnologien berücksichtigt. Er nannte "Power8" ein ausgewogenes Konzept. "Es hat ja immer so mal den Verdacht gegeben, dass die deutsche Seite über den Tisch gezogen wird. Das ist nicht der Fall." Der deutsche EADS-Co-Chef Tom Enders sagte, bei dem Sanierungsprogramm "Power8" sei es darum gegangen, die Lasten und Härten der Airbus-Restrukturierung ebenso "einigermaßen fair" zu verteilen, wie die Zukunftschancen. "Ich denke, das ist uns jetzt gut gelungen".
In den neuen vier transnationalen Kompetenzzentren erhält Deutschland die Federführung für die Bereiche Flugzeugrumpf und Kabine, Großbritannien für Tragflächen, Spanien für Heck und Frankreich für die Flugzeugstruktur. Aus der Berliner Morgenpost vom 1. März 2007